Psychologie für Designer

PSychologie für DesignerDesignern und Gestaltern im Allgemeinen wird ein besonderes Leben nachgesagt. Abseits von dumpfen Büromenschentum treten sie humanitär gesinnt und locker in der Arbeitswelt auf. Mit einer lässigen Cap auf dem Kopf schützen sie sich vor über­funktio­neller Arbeitsplatzbeleuchtung und aufdringlichen Kundenblicken. »Nine⸗to⸗five« erscheinen als Koordinaten der Spießerwelt, (unbezahlte) Überstunden als sinnvolle Verpflichtung gegenüber der Kreation. Als vollwertige Mahlzeit reicht die eilig ange­lie­ferte Pizza mit Cola Zero, abends Bier, zur sportlichen Ertüchtigung ein leiden­schaft­liches Kickerturnier im Agenturkeller. Dass derart Verhalten einige Problematik birgt, ist den Betroffenen kaum bewusst oder wird übergangen. Die Selbstwahrnehmung, die wir Gestalter benötigen, um fehlerhaftes (Arbeits)Leben zu be­wäl­tigen, braucht allerdings nicht Gefühl, sondern eher kognitiv gesteuerte Überlegung.

Kaufzwang für Designer

Im schnellen Anblättern des Bandes »Psychologie für Designer« wird deutlich, dass psychologisch gesehen viele Fragen bestehen, die in der oben umrissenen Arbeitswelt entstehen. Das Buch greift das auf. Der provozierend-rätselhafte Vorspann: »Kreativität aushalten« gibt dem sensiblem Kreativen den Rest und erzeugt, verbunden mit der leckeren Ausstattung*) des Bandes, klaren Kaufzwang.

Hilft uns psychologische Erkenntnis beim Arbeiten?

Die Inhalte des Buchs zeigen auf, das Arbeit psychologische Analyse bedarf. Da ist als bekanntes Thema Arbeitsstress zu nennen, das man gerne erschliessen und bewältigen möchte. Der Autor geht allerdings nicht über dieses Einzelphänomen an Lösungen, sondern betrachtet (sozial)psychologisch das gesamte Arbeits­leben und verknüpft deren Erscheinungen und Aus­wir­kungen mit persönlichen (Er)leben. Verhaltensstrategien und Lösungsansätze für psycho­logische Probleme ergeben sich aus der Erläuterung der Situationen. Also ist eigene Denkarbeit gefordert, aber mit erklärendem Muster als Basis. Dumme Vereinfachung über Zuständigkeit von Gehirnhälften oder eigen genügsames wissenschaftliches Geschwafel findet nicht statt. Es wird immer konkret auf die Arbeitssituation eingegangen.

Zum Inhalt

Das Buch ist übersichtlich in 6 Kapitel gegliedert. Arbeiten als zentraler Begriff zeigt auf, wie sehr der einzelne Gestalter von seinem Umfeld determiniert ist:

  1. Gestalterisch tätig sein
  2. Richtig arbeiten
  3. Allein arbeiten
  4. Für andere arbeiten
  5. Falsch arbeiten
  6. Nicht arbeiten

Kap 01_Hier geht es um den Begriff Kreativität und dessen Ausprägung im Beruf. Betrachtet wird die Entstehung von Kreativität im Gegensatz zur Disziplin, die durch Arbeitsaufträge entsteht.

Kap 02_Fremdbestimmung und individuelle Bedürfnisse des Menschen stehen im Spannungsfeld. Wie hängen Arbeitsergebnisse, Feedback, Flow, eigene Energie und Kooperation, Emotion und Konflikt, Ziele zusammen? Dieses Kapitel nimmt den größten Platz ein.

Kap 03_Privates und Arbeit vermischen sich in unserer Zeit sowie in unserer Branche. Gibt es eine Psychologie der Selbstständigkeit?

Kap 04_Nonverbale und Verbale Kommunikationsformen prägen unser Arbeitsleben. Die Design­szene, Arbeitswelt und die der Kunden lässt Dringlichkeiten entstehen, die richtige Art zu erlernen. Die einfache gesprochene Botschaft bis zu Manieren werden erläutert.

Kap 05_Falsches Arbeiten entsteht häufig, wenn der berufliche Druck die persönlichen Bedürfnisse übersteigt. Gerne wird das im Designbereich übersehen.

Kap 06_Der Mythos Work-Life-Balance sieht ausgeglichene Verhältnisse vor, wie in einer Stadt Geschäfts- und Wohnviertel ausbalanciert werden. Trifft es auf uns zu, oder droht eher Karoshi (Tod durch Überarbeitung)?

Fazit

Der Autor schreibt immer in Sichtweite der Arbeit von Designern und entfernt sich nur, um Erkennt­nisse der Psychologie einzuarbeiten. Die Problemstellung von Kreativität aushalten ist im Grunde ein Arbeitswelt der Kreativen aushalten oder besser: richtig zu bewältigen geworden. Passen Sie auf, falls Sie dieses kleine Handbuch mal ausleihen sollten, ob es zu Ihnen zurückkommt.

Kreativität aushalten, Psychologie für Designer von Frank Berzbach / Design: Katrin Schacke. Verlag Herman Schmidt Mainz. 192 Seiten, ISBN 978-3-87439-786-5 / Preis: 29,80 €.

*) Der Verlag Herman Schmidt Mainz produziert Gestaltungs-Bücher auf beispielhaftem Niveau. Gerne legt man ein paar Euro mehr auf dem Tisch, um Lese­vergnügen und Augenfun zu ver­binden. Das wertige Äussere des Einbands überzeugt, die Faden­heftung des Flexcovers lässt auf Haltbarkeit hoffen, ein Lese­bändchen auf Übersicht, die Abrundung der Aussen­ecken auf Handschmeichelei. Augen­schmankerl im Text wie Auszeichnung durch farbige Hinterleger und kleine typografische Neckereien regen an. Im Satz stören leider maschinell generierte Wort­trennungen (ei-nen, je-der, in-nen…), die man schon bei oberflächiger Korrektur hätte vermeiden können. Auch beginnen die Kapitel gnadenlos auf linker Seite nach vollfarbiger Titelei. Nicht registerhaltige Inhalts-Übersicht trägt linksseitig zur Verschlechterung des Lesens bei. Manchesmal vermisst man klassische Buchausstattung, wie z.B. einen Schmutztitel statt 2er leerer Seiten zu Beginn.

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