Minimalismus im Webdesign

Minimalismus, oder Clean Design, Minimal Design ist aus Überdruss an bonbonfarbenen, glossy­poppigen Web-2.0 Designs entstanden. Man wollte den kitschi­gen Design-Trash einfach loswerden und existentia­listisch zum Grund der Gestaltung zurück­kehren. Gutes, minimalistisches Webdesign entsteht nicht nur aus dem Verzicht überflüssiger Dinge. Es ist mehr (auch wenn man weniger anstrebt) als das, denn je mehr man entfernt, desto genauer schaut das Auge hin. Es braucht viel Ausgewogenheit, Abstimmung der Farben (wenn vorhanden), sorg­fältige Balance der Typografie—insgesamt Hinterfragen jeden Details. Damit sind wir an der Basis des Design angelangt: Weniger ist mehr und: Form follows function.

Zielrichtung Minimalismus?

Zunächst müssen Sie darüber klar werden, was Sie eigentlich mit Ihrer Site vorhaben. Einfach mal informieren ist gut, doch worüber? Was ist die Hauptaussage, wo liegt der Fokus der Site? Sollten sie ein Nachrichtenportal planen, stecken Sie in einem Dilema. Nachrichten gibt es genug auf der Welt. Sie sind wahrscheinlich versucht, alle auf einmal zu zeigen. Nicht gut für mini­ma­listischen Ansatz.

Sie wollen einen Shop mit vielen bunten Dingen aufbauen?  Was bedeutet für Sie bunt? Meint bunt vielfältig? Wollen Sie Kunden mit purer Menge überzeugen, oder mit der Qualität des Produkts? Sie müssen verkaufen, weil Ihr Lager voll ist? Schade, Überfluss ist nichts minimalistisches.

Nachhaltigkeit

Es ist ein Schlagwort der Zeit, aber wichtig für das Verständnis von Minimalismus: Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit bedeutet Verantwortlichkeit für das eigene Produkt. Wenn Sie minimales Design machen, müssen Sie einen Fokus, eine Message aufbauen. Sie müssen ein Ding zeigen, eine Information vertreten. Sie müssen radikal auswählen. Wenn Sie ein Design aufgebaut haben, spätestens dann beginnt ein schmerzhafter Prozess des Auswählens, Weglassens und Entfernens. Nur Dinge, die vollständig durchdacht, begründbar und dienlich für den Fokus der Site sind, nur Qualitäten bleiben über. Minimalismus bedeutet auch Purismus, aber nicht die Abwesenheit von Raffinesse!

Überlegte Typografie an erster Stelle

Durch den Verzicht auf grafischen Schnickschnack bekommt alle Typografie Gewichtung. Sorgfältige Abstimmung lohnt sich doppelt und dreifach, besonders, wenn ausschließlich Typo zur Gestaltung verwendet wird.

An erster Stelle annehmbarer Typo steht die konsequente Umsetzung grundlegender Regeln wie:

  • 3-Ebenen-Abstufung einhalten. 1. Ebene Überschrift, 2. Ebene Zwischentitel, 3. Ebene Absätze mit Text und Bild.
  • Schriftgrade untereinander anpassen. Der Schriftgradwechsel von Überschrift bis zum Fließtext sollte harmonieren. Ausgangspunkt sollte der Fließtext bilden. Dieser wird in das Layout eingepasst, und mit dem Schriftgrad variiert. Der Schriftgrad ist abhängig von der verwendeten Spaltenbreite. Gut sind etwa 16 Pixel Schriftgrad als Startgröße. Alle anderen Schriftgrade werden dann vom Fließtextgrad aus ermittelt.
  • Schriftart sehr passend zum Sitethema aussuchen. Schriftmischung ist klasse, es geht aber auch ohne.

Farbe: nicht klotzen, kleckern

Nachhaltigkeit ist das Gegenteil von Verschwendung. So ist der Farbgebrauch reduziert (siehe oben: genug mit Bonbonfarben!).

Es geht um intelligente Verwendung von Farben. Farben sind Emotion. Sie mögen unterstützen, aber nicht mit Eigenwert in den Vordergrund treten. Eine Hauptfarbe ggfls. unter Verwendung einer Akzentfarbe reicht meistens aus. Werden mehr Farben benötigt, dann kann von diesen Farben über Aufhellung oder Trübung ein konsistenter Farbenklang gehalten werden.

Layout-Strukturen

Da im Minimal-Design Bild und Grafikeinsatz verringert ist, oder darauf sogar verzichtet wird, rückt neben der Typografie auch die Seitenstruktur in den Vordergrund. Dessen Wahrnehmung wird geradezu erst ermöglicht, was bisher selten möglich war, weil bisher der kostbare Platz der Site mit Inhalt zugepflastert wurde. Was man stattdessen sieht, ist schockierend in der Skeletthaftigkeit der Erscheinung.  Diese Magersucht des Schönen muss noch ausgehalten werden. Brauchbar ist die konsequente Nutzung von Grids wie zum Beispiel das 960 Grid System.

Neu an diesen Layouten ist die Rückkehr zu asymmetrischen Design, die für Spannung sorgen, wo—oberflächlich gesehen—optische Ablenkung reduziert wurde. Es gibt auch viele Designs mit Links­bün­dig­keit, was den Wunsch nach spannungsreichem Aufbau der Site unterstützt.

Reduktion auf Hintergrund

Durch die Reduktion entfallen naturgemäß schmückende Elemente wie Buttons und Badges, sowie auch Muster, Girlanden und Rankwerk. Übrig bleibt viel Platz. Dieser wird nicht mit neuen Inhalten zu­ge­schüttet, sondern wird tapfer freigehalten. Positiv: viel Weissraum entsteht, das Auge kann sich aus­ruhen, Chama Inc:

Negativ: das Inhaltliche ist im Vordergrund, das Geniessen verschwindet zugunsten von reiner Ästhetik. Statt Wein wird Wasser gereicht. Damit kann man wunderbar den Durst stillen und gesünder ist es auch. Nun bleibt als Gegenbewegung das Entstehen einer neuen Prächtigkeit, sozusagen eine Barockzeit des Webdesigns.

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