Die teuerste Website der Welt?

Darfs auch ein bischen mehr sein? Die kanadische Stadt Vancouver hat eine 3 Millionen Dollar teure Website gelaunched. Ja, hallo, welche Webdesign-Firma hat es warum geschafft, dieser Stadt soviel Geld aus der Tasche zu ziehen? Während die kana­di­sche Volksseele wegen der Kosten auf Kriegszustand hochfährt, können wir uns in Ruhe die Anforderungen anschauen, die diese Site so teuer gemacht hatte.

Navigation reichlich

Die Site selbst kommt vermeintlich harmlos daher. Ein bescheidenes 137 x 54 Pixel-Stadtlogo ist an üblicher Stelle links oben in der Headerzone platziert. Der Rest des Headers ist weiss. Rechts findet sich eine von Google angetriebene Sitesuche. Gleich darunter findet sich die waagerechte Hauptnavigation mit 8 Punkten. Ist gut für die Übersicht, obwohl hier die 7 maximalen Menupunkte schon überschritten sind. Na gut, das ist gerade noch erträglich, weil ein Farbcode die einzelnen Bereiche unterscheiden hilft. Fährt man über einen Menupunkt, kommt eine Überraschung: ein Mega-Pulldown. Es ist so mega, dass ein Großteil des Seiteninhaltes überdeckt ist. Ob das im Sinne von Usability-Papst Nielsen ist, der diese Art von Navi propagierte? Es sind durchschnittlich 40 Unterpunkte pro Pulldown untergebracht. Wir haben es also schon auf der Startseite mit cirka 300 Navigationseinträgen zu tun!

Tiefenforschung

Es ist klar, dass schon so etwas nicht mal eben in ein einfaches WordPress reingepresst werden kann. Schaut man sich im Quelltext um (Vorsicht, nur für Hartgesottene!), findet sich der Hinweis auf das eingesetzte Content Management System zur Verwaltung der Site. Es ist OpenText CMS von Web Solutions Group. Dieses System muss rocksolid sein, um diese Monstersite zu verwalten.

Beispiel und Rechnung auf

Geht man in die Tiefe der Seite, findet sich links eine vertikale Navileiste. Diese enthält 2 bis drei Unterebenen (Aufklappmenus). Ausgehend von den Hauptkategorien haben wir schon in der linken Navileiste cirka 50 Untereinträge mit jeweils eigenen Seiten! Auf dieser wiederum finden sich z.B. weitere 10 Unterlinks. Von dort entstehen weitere 10 Unterlinks. Können Sie mir noch folgen? Ich klicke mich weiter durch (mittlerweile auf der 5. Navigationsebene seit der Startseite) bis zur 6.Ebene und kann mich zum Beispiel für ein Sicherheitstraining Feuerprävention »Sign up for fire safety training« anmelden. Nochmal in Übersicht, wo ich mich eigentlich befinde, das erklärt mir eine Breadcrumb-Navi unterhalb der Haupt­navi­gation:
Home > Home, Property, and Development > Home safety > Learn fire safety and prevention > Three steps to a fire-safe home > Smoke alarms.
Wenn ich die Menge der Seiten von der eben getesteten Struktur ableite, dann habe ich es mit 8 x 50 x 10 x 10 Seiten gesamt zu tun. Das sind geschätzte 40.000 Unterseiten für den ge­sam­ten Webauftritt!!! Bis zur 5.Ebene finden sich qualitativ hochwertige, aktuelle Abbildungen. Also sind mindestens 5.000 Fotos untergebracht.

Es ist ein Gesamtprojekt

Man sieht, dass die Verwaltung von Vancover die gesamte Verwaltung abbilden möchte. Und zwar nicht nur in der Struktur, sondern auch mit deren Inhalten. Dieses Monsterprojekt (leider habe ich keine Zahlen) muss mindestens von einer eigenen Behörde begleitet worden sein, die langfristig arbeitend von allen Abteilungen Content aufgegriffen, bewertet, redak­tio­nell bearbeitet, redigiert, mit Bildern aufgearbeitet und veröffentlicht hat.

Ich glaube nicht, dass die Website auf Dauer bestehen kann, ausser man bewegt alle Mitarbeiter der Behörde dazu, das System selbstständig zu pflegen. Zentral kann keiner die Inhalte aktuell halten. Aktuelles entsteht in den Behörden selbst, Tag für Tag. So sind sicher auch eine Menge teuerer Schulungen für Mitarbeiter nötig gewesen.

ROI-Fragestunde

Die Frage nach dem ROI wird schnell aufkommen. Die Start- und Folgekosten dieses Projekts sind enorm. Kann es das Verhältnis der Bevölkerung zur Behörde verbessern? Ja, es ist die neue Art, zu kommunizieren. Können die Behörden-Mitarbeiter besser arbeiten? Ja, denn sie werden von Nachfragen entlastet. Dient die Information dem Bürger? Ich glaube, nur bedingt und den Wenigen, die andauernd zu recherchieren gewöhnt sind. Alle Informationen sind da, doch eigentlich verdeckt. Die Mühe, die man sich gibt zur Aussen­darstellung und Doku­mentation, wird einen Teil der Arbeitsleistung der Verwaltung auffressen. Einfach ist das nicht, wie wir es als Webdesigner kennen. Wie schnell wird doch zum Telefon (wie antiquiert…) gegriffen und einer Webdesign-Firma diese Arbeit übertragen. Auf Dauer kann sich die Website zu einem Kostenmonster entwickeln, wenn die Erzeuger nicht sehr aufpassen.
Hätte man nicht alles wenigstens etwas billiger bekommen können? Ein Kommentator zur Website sagt ja und verweist auf die Website der City of Coquitlam: »The City of Coquitlam website costs 260k and does the same thing. Is the Vancouver website 12 times better? Why is it at 3 million? Do the people make decision have a personal interest in the contracts?«.
Startseite City of Coquitlam

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